Videosprechstunde und Co.: Die Entwicklung der Telemedizin in Deutschland
Reportage vom 28.12.2021

90 % aller befragten Patientinnen und Patienten empfehlen die Videosprechstunde weiter.
Lange Zeit galt Deutschland in Sachen Telemedizin als Entwicklungsland. Der Gesetzgeber hat die Voraussetzungen zum Beispiel für die Online-Sprechstunde noch weit vor dem Ende des letzten Jahrzehnts geschaffen. Trotzdem taten sich Behandelnde und Behandelte zunächst gleichermaßen schwer mit der Nutzung einer Technologie. Diese soll das Arzt-Patienten-Verhältnis aus dem klassischen Untersuchungszimmer in den virtuellen Raum befördern. Dann kam Corona und erwies sich als Gamechanger. Heute hat sich die Telemedizin als häufig genutztes Instrument im Praxisalltag vieler Medizinerinnen und Mediziner über die Krise hinaus längst fest etabliert.

E-Rezept, Videosprechstunde, Telemedizin - für die weitaus meisten niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte noch bis Ende 2019 Begriffe aus einer anderen Welt. Einerseits, weil sie für die Nutzung solcher Neuerungen nicht richtig aufgestellt waren. Andererseits, weil es ethische Vorbehalte gab. Viele – vor allem ältere – Medizinerinnen und Mediziner fragten sich, ob eine per Videoübertragung aus der Distanz durchgeführte Sprechstunde überhaupt funktioniert. Und ob diese den ganz direkten Kontakt zwischen Ärztinnen und Ärzten und Patientinnen und Patienten in der "echten" Sprechstunde ersetzen kann.

Nur 1,8 % aller niedergelassenen befragten Ärztinnen und Ärzte boten dementsprechend laut der Studie "Ärzte im Gesundheitsmarkt 2020" [PDF, 9.25MB]  ihren Patientinnen und Patienten den Service einer Online-Sprechstunde an. Das war 2017. 2020 waren es derselben Studie zufolge bereits rund 60 %. Das entspricht einer Steigerung von über 3.000 %.

Quantensprung in der Nutzung der Videosprechstunde: Über 3.000 % Steigerung seit 2017

Ohne die Coronakrise wäre eine solche Entwicklung der Telemedizin sicher nicht möglich gewesen. Online-Sprechstunden hätten damit weiterhin zu einer Seltenheit gehört. Wie so oft in der Medizingeschichte konnte sich hier ein für den ärztlichen Alltag sehr nützliches neues Instrument erst angesichts einer Krise gegen Bedenken durchsetzen. Und dabei gleichzeitig den Beweis erbringen: Die Bedenken waren zum größten Teil überflüssig.

Denn vor allen Dingen auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten wird durch die neuen Möglichkeiten eingegangen. Dies zeigen die Ergebnisse einer Studie, bei der die Patientinnen und Patienten der Videosprechstunde überwiegend gute Bewertungen gaben. Zudem liegt die Nutzung in bestimmten medizinischen Fachrichtungen bereits weit über dem Durchschnitt. Die Ergebnisse im Überblick:

  • 90 % aller befragten Patientinnen und Patienten empfehlen die Videosprechstunde weiter.
  • 54 % aller befragten Patientinnen und Patienten haben das Gefühl, in der Videosprechstunde rundum gut aufgehoben zu sein.
  • Während der ersten zwei Wellen der COVID-19-Pandemie absolvierten immerhin 11,9 % aller befragten Ärztinnen und Ärzte über 81 % ihrer Sprechzeit per Videosprechstunde.
  • In psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachgebieten praktizierende Ärztinnen und Ärzte unter den Befragten nutzen die Videosprechstunde zu über 80 %.

Erfolgreicher Einsatz der Telemedizin vor allem in Großstädten

Die Bundesregierung fördert einen möglichst flächendeckenden Einsatz der Telemedizin schon seit längerem. Das Bundesgesundheitsministerium will mit seiner E-Health-Initiative auch medizinischen Versorgungsengpässen auf dem Land entgegenwirken. Expertinnen und Experten haben festgestellt, dass die Verbreitung und Nutzung von Telemedizin in urbanen Räumen signifikant höher ist als in ländlichen. Dementsprechend wird sie dort besser akzeptiert.
So hat die Fernarzt-Studie am Beispiel der Antibabypille gezeigt, dass Frauen aus Großstädten die Möglichkeit, ein Online-Rezept dafür zu bekommen, zu über 30 % häufiger nutzen als auf dem Land und in Kleinstädten lebende Frauen. In den TOP 10 ist auch eine hessische Großstadt vertreten: Offenbach am Main ist bundesweit auf Platz 9 unter den Städten mit den meisten Pro-Kopf-Anfragen für Online-Rezepte zur Antibabypille (über 100.000 Einwohner).

Fazit: Telemedizin hat sich etabliert

Ihr Aufschwung in der Coronakrise hat vielen Ärztinnen und Ärzten sowie Patienten und Patienten vor Augen geführt, dass die Telemedizin eine dauerhaft sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Medizin darstellt. Gerade wenn es um einfach zu klärende Angelegenheiten oder leichte Erkrankungen geht, sind zum Beispiel Videosprechstunde und Online-Rezept sehr gut geeignet, Fahrtwege, Kosten und Zeit zu sparen. Inwieweit die Telemedizin zur Lösung des Problems der medizinischen Mangelversorgung in ländlichen und strukturschwachen Regionen beitragen kann, bleibt abzuwarten.