07. Apr 2021

„Wir brauchen realistische Zeitpläne“

VERNETZUNG. Wie sehen innovative junge Unternehmen den ambulanten IT-Markt nach einem Jahr Corona? Wir haben mit Jochen Brüggemann von RED Medical gesprochen, Anbieter einer Cloud-basierten Praxis-IT.

 

Die Corona-Krise hat die Videosprechstunden salonfähig gemacht, und Ihr Unternehmen gehörte dabei zu den Profiteuren. Wie haben Sie die zwölf Monate „seit Corona“ erlebt?

Wir hatten das Glück, dass wir Ende 2018 eine Videosprechstundenlösung implementiert hatten, als sich abzeichnete, dass das Fernbehandlungsverbot aufgehoben und die KBV eine Zertifizierung anbieten würde. Wir haben diese kostenlos angeboten und hatten Anfang 2020 knapp 1.000 Anwender. Mit Beginn der Corona-Krise haben sich dann innerhalb von sechs Wochen rund 30.000 Nutzer:innen neu registriert, mittlerweile sind wir bei rund 50.000 Nutzer:innen, davon rund 5.000 mit der kostenpflichtigen Variante. Wir haben im Februar die Latte von drei Millionen Videosprechstunden auf unserer Plattform übersprungen. Das Jahr war Arbeit, aber wir sind zufrieden.

 

Wer sind die Nutzer:innen?

Die Psychotherapie dominiert bei uns wie bei anderen auch. Die zweite größere Gruppe sind die Hausärzt:innen. Wir haben auch einen relevanten Anteil an nicht-ärztlichen und nicht-psychotherapeutischen Heilberufen, wir haben Familienberatungsstellen und Suchtberatungsstellen. Je sprechender die Medizin, umso attraktiver die Videosprechstunde.

 

Wie beurteilen Sie die derzeitige Abrechnungssituation bei der Videosprechstunde?

Dass Ärzt:innen und Patient:innen die Videosprechstunde akzeptieren, beweisen die Nutzungszahlen, und wir hören das auch aus unseren Kundengesprächen. Die Anfangsprobleme sind weg, das Verfahren hat sich etabliert. Die Aufhebung der Abrechnungsbeschränkungen für Videosprechstunden während der Pandemie sollte daher dauerhaft beibehalten werden. Dann wird die Videosprechstunde auch einen ihr angemessenen Platz in der Versorgung finden. Fast wichtiger ist im Moment noch das Thema Versicherungsnachweis bei ausschließlich telemedizinischer Behandlung. Das ist weiterhin ein Graubereich – man kann über die Videosprechstunde halt keine Versichertenkarte einlesen. Ideal wäre eine offizielle technische Lösung für die Bestätigung des Versichertenverhältnisses durch die Versicherten. Da das kurzfristig illusorisch ist, bräuchten wir zumindest eine offizielle Klarstellung dahingehend, dass das Ersatzverfahren als Versicherungsnachweis nicht nur in der Arztpraxis, sondern auch dauerhaft in der Videosprechstunde zulässig ist, insbesondere bei einem hohen oder überwiegenden Anteil telemedizinischer Behandlungen. Das fehlt bisher.

 

Wie ist die Akzeptanz Ihres reinen Cloud-Systems bei den Niedergelassenen, und wie hat sich das Geschäft mit gehosteten TI-Anschlüssen entwickelt? Sie bieten ja ein Konnektor-Farming-Modell an.

Wir haben bei unserer Cloud-basierten Praxis-IT nie irgendwelche Akzeptanzprobleme gehabt. Wer die Vorteile verstanden hat, der ist angetan. Es braucht keine Praxis-Server, keine regelmäßigen Updates, keine Wartung vor Ort, und durch die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Daten ist das Sicherheitsniveau deutlich höher als bei den herkömmlichen Lösungen. Das Interesse ist da, und es steigt stetig, aber wir sind noch kein Großanbieter. Bei den Telematik-Anbindungen haben wir rund 1.000 Ärzt:innen und Apotheker:innen, die mit uns in die Telematikinfrastruktur(TI)gehen. Auch hier sind die Vorteile für die Anwender:innen deutlich: Als es im vergangenen Sommer die Probleme mit den fehlerhaften Konnektorzertifikaten gab, waren wir innerhalb weniger Stunden wieder auf Sendung. Das ging nur, weil wir die Praxen nicht vor Ort besuchen mussten.

 

Was genau sind im Moment die Flaschenhälse?

Es ist ein komplexes System mit vielen Sollbruchstellen. Das Ganze funktioniert, solange alle auf allen Ebenen ihre Aufgaben optimal erledigen. Das ist im Moment aber nicht gegeben. Das fängt bei den eGKs an. Da brauchen wir für medizinische Anwendungen wie Notfalldatensatz und E-Medikation eine Patient:innen-PIN. Aber finden Sie mal Patient:innen, die ihre PIN kennen. Wir haben in einem Feldtest mitgemacht, da haben wir teilweise für die Patient:innen im Service-Center der Krankenkasse angerufen, und dort wusste niemand, dass es überhaupt eine PIN gibt. Da muss sich dann auch keiner wundern, dass kein Arzt elektronische Notfalldaten anlegt und kein Apotheker jemals einen elektronischen Medikationsplan gesehen hat. Auch bei der Ausgabe der Heilberufsausweise läuft es alles andere als rund, bei den Kommunikation im Medizinwesen (KIM)-Diensten kommt nur langsam Fahrt auf. Ich kann alle gut verstehen, die an der Oktoberfrist für die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zweifeln. Das Interessanteste wird aber das eRezept: Auch das werden Ärzt:innen erst dann nutzen, wenn alle Krankenkassen mitmachen und wenn alle Apotheken eRezepte annehmen können. Und selbst wenn das fristgerecht gegeben sein sollte, gibt es das Problem, dass die gematik für die Abrechnung der eRezepte nicht verantwortlich ist. Die eRezepte müssen ja an die Apothekenrechenzentren geliefert werden, und die sind nicht an die TI angeschlossen. Wie also überprüfen Apothekenrechenzentren, dass ein signiertes Rezept überhaupt gültig ist? Das weiß kein im Moment kein Mensch, und es könnte dazu führen, dass der Apotheker den Arzt bitten wird, im Zweifel doch lieber ein Papierrezept auszustellen.      

 

Was könnte besser gemacht werden?

Zunächst brauchen wir realistischere Zeitpläne. Wenn wir Zeitpläne haben, bei denen sowieso jeder weiß, dass sie nicht funktionieren werden, ist die Motivation von Anfang an begrenzt. Dann sollte konkretisiert werden, was mit „Einführung“ gemeint ist, zum Beispiel 5 Prozent eRezepte im ersten Jahr, 10 Prozent im zweiten Jahr und so weiter. Wenn immer so kommuniziert wird, als ob es von einem Tag auf den anderen von Null auf Hundert geht, dann ist das am Ende kontraproduktiv. Vor allem müssen wir die Ärzt:innen mitnehmen. Wenn uns das nicht gelingt, werden alle TI-Vorhaben unfassbar schwierig.

 

Zurück zu Ihrer Kernkompetenz: Wie entwickelt sich der Praxis-IT-Markt in den nächsten Jahren?

Wir sind überzeugt, dass der Trend in Richtung Cloud geht. Die Vorteile sind einfach zu groß. Wichtig ist aber, dass die Systeme konsequent mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung arbeiten. Es wird manchmal behauptet, dass die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einer komfortablen Nutzung entgegenstehe. Da kann ich nur sagen: Da müssen halt entsprechende Lösungen gebaut werden, die diese Herausforderung angehen. Wir haben bewiesen, dass das funktioniert. Ansonsten halten wir mit Blick in die nähere Zukunft die vom Gesetzgeber initiierte Schnittstelle für Verordnungssoftware für ein sehr spannendes Thema. Damit werden vom Verband für Privat- und Kassenabrechnungen (PVS) separierte Verordnungsmodule möglich. Das wird für Bewegung am Markt sorgen, da bin ich ziemlich sicher. Der Praxis-IT-Markt ist immer noch sehr verkrustet, und das schadet letztlich digitalen Innovationen.

 

In Kooperation mit der Redaktion E-HEALTH-COM