20. Nov 2020

Pflege an die IT? Noch viel zu tun.

VERNETZUNG. Die Anbindung der Pflege an die Telematikinfrastruktur soll bald beginnen. Übertriebene Erwartungen sollte aber niemand hegen. Dieses Ding will Weile haben.

 

Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste sollen sich an die Telematikinfrastruktur (TI) des deutschen Gesundheitswesens anschließen können. Dafür haben das Digitale Versorgung Gesetz und das Patientendatenschutzgesetz den Weg geebnet. Seitens der Pflege werde das ausgesprochen positiv gewertet, waren sich Herbert Maul vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienstleistungen und Gerhard Timm von der Bundesarbeitsgemeinschaft freie Wohlfahrtspflege einig.

„Wir verbinden das mittlerweile mit relativ hohen Erwartungen auf Effizienzgewinne“, so Timm beim ersten öffentlichen Pflegeforum der gematik, das Corona-bedingt online stattfand. Entbürokratisierungspotenziale sieht er unter anderem bei der Kommunikation mit anderen Leistungserbringern, beim Entlass- und Überleitungsmanagement und bei der Abrechnung mit den Pflegekassen. Maul wurde, was die digitalen Erwartungen der Pflege angeht, noch etwas konkreter: „Wir würden gerne und auch ambulant eine komplette digitale Verordnung, Genehmigung, Abrechnung und Dokumentation der Leistungen sehen. Das ist das, worauf alle warten, und nicht darauf, dass die Arztbriefe anders kommen als bisher.“

Wie wird Pflegedigitalisierung lebendig?

Dass das von der Umsetzung noch ein ganzes Stück entfernt ist, wurde beim Pflegeforum deutlich. Primär ärztlich gedachten Anwendungen wie der Kommunikationsdienst KIM und primär vom Patienten her gedachte Anwendungen wie elektronische Patientenakte (ePA) werden den pflegerischen Bedürfnissen allenfalls punktuell gerecht. Wohl auch deswegen sollen jetzt erst einmal konkrete Erfahrungen in einem Modellprogramm auf Basis von §125 SGB XI gesammelt werden, für das sich interessierte Einrichtungen und Träger bis 30.10.2020 beim GKV Spitzenverband bewerben konnten. Dieses Programm wird bis 2024 laufen und mit insgesamt 10 Millionen Euro aus dem Ausgleichsfonds der Pflegeversicherung unterstützt.

Gematik-Geschäftsführer Markus Leyck-Dieken erinnerte auch angesichts der hohen Erwartungshaltung seitens der Pflege daran, dass die ITals Plattform konzipiert sei, die nutzenstiftenden digitalen Anwendungen offenstehe: „Die gematik wird nicht die Lebendigkeit der Digitalisierung hervorrufen.“ Eine Belebung der IT werde nur dann stattfinden, wenn die Akteure – ob Industrie oder Trägereinrichtungen – sie als Plattform wahrnähmen, auf der dann zum Beispiel bürokratiereduzierende Pflegeanwendungen technisch einheitlich umgesetzt werden können.

Warten auf das eGB(E)R

Dazu freilich muss erst einmal eine gewisse Zahl an Einrichtungen angebunden sein. Um die anzubinden, braucht es Institutionenkarten, die SMC-B, die nach dem Willen der Politik von dem elektronischen Gesundheitsberuferegister (eGBR) ausgegeben werden sollen. Die Ratifizierung des eGBR Staatsvertrags durch die Parlamente der Bundesländer verzögert sich allerdings schon ähnlich lang wie der Berliner Flughafen. Der eGBR-Startschuss fiel vor über zehn Jahren. Mitte 2021 könnte das eGBR seinen Informationen nach operativ tätig werden, sagte Martin Heisch von der gematik. In der Hand der gematik liegt das aber definitiv nicht.

Eine andere offene Baustelle sind die mobilen Anwendungsszenarien. Bisherige Vorarbeiten in Sachen Pflegeanbindung beziehen sich nur auf die stationäre Pflege. Die Konzeption der mobilen Anbindung sei für das erste Quartal 2021 geplant, so Heisch. Dass es ohne mobile Szenarien in der digitalen Pflege nicht gehe, machte Herbert Maul sehr deutlich: „Wenn eine Verordnung oder Veränderung der Medikamente beim Hausbesuch nicht funktioniert, haben wir ein Problem. Das muss funktionieren.“

Bleibt die Frage, was Pflegeeinrichtungen, die mit einem zunächst freiwillig möglichen Anschluss an die IT liebäugeln, schon jetzt tun können oder sollen. Timm empfahl, den jeweiligen Softwareanbieter des pflegerischen Primärsystems erläutern zu lassen, wie er sich die Anbindung vorstelle: „Wenn da keine überzeugende Antwort kommt, würde ich wechseln.“ Insgesamt klang die Veranstaltung sehr danach, als ob noch viel Arbeit bevorstehe. Aber genau deswegen kam sie wahrscheinlich zum richtigen Zeitpunkt.

In Kooperation mit Redaktion E-HEALTH-COM