22. Jun 2020

Videosprechstunden: Gekommen, um zu bleiben

Derzeitige Nutzung von Videosprechstunden
Derzeitige Nutzung von Videosprechstunden
MEDIZIN. Auch nach der Pandemie wollen Ärztinnen und Psychotherapeuten in Deutschland Videosprechstunden nutzen. Eine Umfrage zeigt: Die Akzeptanz ist stark gestiegen.

Im März brachen die Dämme: Nachdem das deutsche Gesundheitswesen lange skeptisch gegenüber der Videosprechstunde war, registrierte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) binnen eines Monats zehnmal so viele Anmeldungen von Praxen für die Nutzung von Videosprechstunden als in den zwei Monaten davor. Und die Deckelung des Anteils des Videosprechstundenvolumens am Gesamt-Gesetzlichen Krankenversicherungs-Umsatz einer Praxis fiel zumindest temporär weg. Das führte dazu, dass die etablierten Videosprechstundenanbieter erheblich wuchsen und eine Reihe neuer Anbieter in den Markt drängte. Zwischen über 30 KBV-zertifizierten Anbieter können niedergelassene Ärzte und Krankenhausambulanzen/-MVZ mittlerweile wählen.

Doch wird das bleiben? Oder ist es ein Strohfeuer? Eine neue, repräsentative Umfrage, die der Health Innovation Hub (hih) des Bundesgesundheitsministeriums gemeinsam mit der Stiftung Gesundheit unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Konrad Obermann vom Mannheimer Institut für Public Health unternommen hat, zeigt, dass die zunehmende Akzeptanz der Videosprechstunde wohl nicht nur ein Pandemiephänomen ist. „Die Videosprechstunde scheint ein Lösungsmodul über die akute Situation hinaus und über alle Fachgebiete hinweg zu sein“, sagt Dr. Philipp Stachwitz, Director Medical Care beim hih und selbst Schmerztherapeut und Anästhesist.

Genutzt wurde ein Online-Fragebogen, der an 25000 Ärztinnen und psychologische Psychotherapeuten per E-Mail verschickt wurde. Zusätzlich wurden weitere 1000 Ärzte telefonisch kontaktiert. Mit einem Rücklauf von 8,6% oder 2240 ausgefüllten Fragebögen war die Resonanz rund zweieinhalb Mal so hoch wie bei der Studienkonzeption erwartet. Was die Geschlechterverteilung angeht, war die Umfrage repräsentativ. Fachärzte waren im Vergleich zu Hausärzten und ältere Ärzte im Vergleich zu jüngeren Ärzten überrepräsentiert.

 Im Ergebnis zeigt sich, dass die Mehrheit der Arztpraxen – 52,3 Prozent – aktuell Videosprechstunden anbietet. Demgegenüber lehnen 37,6 Prozent sie ab. Das ist eine deutliche Verschiebung zu einer als Vergleich herangezogenen Befragung der Stiftung Gesundheit aus dem Jahr 2017. Damals hatten noch rund 60 Prozent der Befragten die Videosprechstunde abgelehnt, und 4,5 Prozent nutzten Videosprechstunden oder gaben an, das gerade vorzubereiten.

„Die Zustimmung ist bei der sprechenden Medizin mit über 80 Prozent besonders hoch“, so Stachwitz, „und das, obwohl die sprechende Medizin vor der Pandemie Videosprechstunden nahezu gar nicht verwendete.“ Besonders eindrucksvoll ist, dass acht von zehn psychologisch/psychiatrischen Fachärzten angaben, Videosprechstunden aktuell einzusetzen – doppelt so viele wie bei den Allgemeinärzten oder den Fachärzten.

Die Umfrage versuchte auch zu klären, wie sich die Nutzung von Videosprechstunden nach der Corona-Pandemie weiterentwickeln wird. Auch hier gibt es gewisse Unterschiede zwischen Psychiatrie/Psychotherapie auf der einen Seite und Allgemeinmedizinern und Fachärzten auf der anderen Seite. Während mehr als die Hälfte der Psychiater/Psychotherapeutinnen angeben, dass Videosprechstunden derzeit einen hohen oder sehr hohen Anteil an der Sprechstunde einnehmen, erwarten nur knapp 9 Prozent, dass da nach der Pandemie so bleiben wird. Allerdings wollen umgekehrt nur noch 21,5 Prozent künftig gar keine Videosprechstunde nutzen, gegenüber 88 Prozent vor der Pandemie.

Bei den Allgemeinärzten und Fachärztinnen sieht es etwas anders aus. Hier sind die ausgesprochenen Vielnutzer von Videosprechstunden mit einem Anteil von 11 Prozent während der Pandemie seltener. 76 Prozent geben an, Videosprechstunden für einen kleinen Anteil der Patienten zu nutzen. Nach der Pandemie wird sich daran in der Erwartung der Umfrageteilnehmer nicht so viel ändern. 6 Prozent geben an, „Vielnutzer“ bleiben zu wollen. 83 Prozent wollen Videosprechstunden auch künftig für einen kleinen Anteil der Patienten nutzen.

Was die Detailauswertung angeht, so zeigt sich wenig überraschend, dass es in der praktischen Umsetzung von Videosprechstunden gewisse Einschränkungen gibt. Operative Fachgebiete nutzen Videosprechstunden selten. In der Psychotherapie gestaltet sich die Nutzung bei älteren Patientinnen und Patienten schwieriger als bei jüngeren. Und technisch reicht mitunter schlicht die Bandbreite nicht oder die Mobilfunktarife der Patienten geben eine längere Konsultation finanziell nicht her. 

Trotzdem bewerten die Studieninitiatoren das Thema Videosprechstunde in der Corona-Pandemie als eine Erfolgsgeschichte: „Die Medizin hat in den vergangenen Wochen gezeigt, wie sie aus der Not eine Tugend macht und sich schnell an neue Umstände anpasst, um die Kontinuität der Versorgung zu gewährleisten“, sagt Wissenschaftler Obermann. Wichtige Voraussetzung dafür sei gewesen, dass Vergütungsregeln schon implementiert und KBV-zertifizierte Anbieter schon verfügbar waren, betont Julia Hagen, Director Regulatory & Politics beim hih: „Hier zeigt sich, wie wichtig die Arbeit an den Rahmenbedingungen der Digitalisierung für den Erfolg ist.“

Videosprechstunden Infografik

 

Text und Bild: in Kooperation mit © E-HEALTH-COM